Maßschneider/-in werden

Wenn wir jemand neues kennen lernen und erzählen was wir beruflich machen ist immer die erste Frage: „Sowas gibts noch?“ gefolgt von „Erzähl doch mal“ und „Sowas fänd ich auch toll!“.

Da wir das auch schon oft hier gefragt wurden, will ich heute mal ein bisschen über die Ausbildung erzählen.
Wir habe beide eine klassische Maßschneinerausbildung in Handwerksbetrieben absolviert, Esther hier in Köln, ich in Trier.
Die Ausbildung dauert normalerweise 3 Jahre, aber wenn man Abitur hat und vorher vielleicht schon mal Praktika gemacht hat, kann man die Ausbildung oft verkürzen, wie Esther auf 2 Jahre und ich auf 1 1/2, aber ob das wirklich empfehlenswert ist, ist von Person zu Person unterschiedlich.
Wenn man ganz frisch in einem Betrieb ist, lernt man erst mal die Industriemaschinen und Bügelanlagen kennen, darauf folgen dann leichte Hilfstätigkeiten wie Nähte auftrennen, Einlage aufbügeln, Schnittteile versäubern, Handsäume und Futter nähen. Diese Aufgaben erscheinen einem sehr schnell lästig und langweilig, aber sie sind wichtig um ein Gefühl für die verschiedenen Materialien zu bekommen, deshalb sollte man dabei auch nicht stupide den Kopf ausschalten, sondern die Zeit nutzen sich mit der Verarbeitung und dem Stoff auseinander zu setzen. Je nachdem wie gut man sich anstellt kommen dann bald die ersten Röcke und leichte Oberteile, man lernt Taschen und Reißverschlüsse einzunähen, Schlitze, Bund- und Abnäherverarbeitung, oft auch schon der erste Zuschnitt. Danach wirds immer schwerer, es kommen Kleider und Hosen und zum Schluss Jacken und Mäntel.Aber keine Angst, so schnell geht es auch nicht, man sagt oft 1. LJ Röcke, 2. Hosen und 3. Jacken, also hat man viel Zeit zum lernen.
Neben diesen fachlichen Fähigkeiten lernt man auch den Umgang mit Kunden, bei telefonischen Terminabsprachen angefangen, übers Maßnehmen bis hin zu ganzen Verkaufsgesprächen.
Außerdem lernt man viel fürs leben, man lernt unter Druck zu arbeiten, schnell zu sein aber trotzdem exakt zu nähen (z.B.Bleistiftrock mit Futter, nahtverdecktem RV, Bund, verdecktem Schlitz und Handsaum in 2 1/2 Stunden), man lernt mit Kritik umzugehen und für seine Fehler gerade zu stehen, was wohl die schwierigste Lektion in der ganzen Ausbildung ist, an der viele schon in den ersten Monaten scheitern.
Das ist auch mit der wichtigste Grund, warum ich jedem von einer schulischen Maßschneiderausbildung abrate, auch wenn dort vielleicht das Nähtechnische gut gelehrt wird, wird man dort nie in die Situation kommen sich vor einem Kunden für seine Arbeit zu rechtfertigen, man wird nie ein so hohes Maß an Perfektionismus zu spüren kriegen und nie so einen Druck haben.Klar, das will man vielleicht auch gar nicht, aber wenn man eine Zukunft in diesem Beruf haben will dann braucht man das, weil je weiter man kommt desto größer wird der Druck.

bei meiner Gesellenfeier (Svenja)

Aber ich will hier niemanden abschrecken oder in seinem Traum verunsichern, die Ausbildung war das Beste was ich jemals gemacht habe und ich würde es immer wieder tun, trotz der vielen Tränen und des enormen Leistungsdrucks. All das hat mich in meinem Leben so viel weiter gebracht und meine Persönlichkeit gestärkt. Man sieht danach die Kleidung mit ganz anderen Augen, wenn ich durch die Stadt laufe, läuft in meinem Kopf häufig dieses Programm ab: „Abnäher zu hoch….die Jacke ist zu klein….der Rock unvorteilhaft….miserabler Schnitt….“, man lernt etwas was fast schon ausgestorben ist, einen Blick, ein Gefühl für Kleidung, Passform und Proportion, dass man kaum mehr ausschalten kann. Wenn man mich dafür nicht in die Klapse einliefern würde, würde ich gerne jedem zweiten den ich treffe irgendwas an der Kleidung abstecken damit es besser sitzt.

Wenn ihr auch den Traum habt, eine Ausbildung zur Maßschneiderin zu machen, dann hab ich noch 3 Tipps für euch:
1. Macht vorher mind. 2, 3 Monate ein Praktikum in eurem favorisierten Atelier damit ihr keine böse Überraschung erlebt.
2. Überlegt euch was ihr danach machen wollt, eine Gesellenstelle zu finden grenzt ans Unmögliche wenn ihr euch nicht mit 400€-Jobs oder einem Hungerlohn von 6€ Brutto zufrieden geben wollt und selbstständig machen ist gerade als Berufsanfänger ein großes Wagnis. Wenn ihr schon direkt wisst das ihr studieren wollt und dazu keine Ausbildung braucht, dann überlegt euch ob es nicht sinnvoller ist sofort zu studieren.
3. Versucht eine Stelle beim Theater zu bekommen, dort werdet ihr nämlich von der Stadt bezahlt und bekommt viel mehr als in Handwerksbetrieben (knapp 200€ im 3.(!!!!!!) Lehrjahr)

6 thoughts on “Maßschneider/-in werden

  1. Ich musste grade ein bisschen grinsen. Meine Usbildung im therapeutischen BEreich bestand ja zu einem Drittel aus Praxis. Und von supergeeignet bis hin zum „Tip“ die Ausbilung abzubrechen, weil ich unzumutbar gewesen wärem gab es alles. Das ist im ersten Moment gnadenlos hart, aber es steigert die Selbsteinschätzung und das Selbstbewusstsein unglaublich. Und ja, deinen Blick kann ich auch verstehen. Bei mir ist es „ui, schlechter Beckenboden“ oder „schlechtes Schuhwerk“. Manchmal ägere ich mich richtiggehend, wie manche teuerste Markenschuhe kaufen und dann darin nur rumrutschen….

    Eine Ausbildung zur Maßschneiderin wöllte ich nicht machen. Wobei ich schon häufiger gern mehr Ahnung von dem, was ich tue, hätte. Glaub mir, darum beneide ich euch sehr!

    Liebe Grüße,
    Pauline

  2. Danke, da ich gerade auf der Suche nach einer Ausbildung bin, ist dieser Post echt hilfreich. Ich hab schon die ganze Zeit überlegt ob ich euch anschreibe um mal nachzufragen, wie es bei euch so war. =) Dankedankedankedanke

  3. Ich glaube, ich kann mich Pauline anschließen^^ Bin auch im therapeutischen Bereich und sehe auch ständig die Fehlhaltungen der Leute oder (in letzter Zeit immer mehr) die gestauten Beine der Leute und würde gern auf sie zugehen und sie informieren.
    Euer Beruf bzw. die Ausbildung hört sich interessant an. Ähnlich stressig, wie ich es mir vorgestellt hatte^^ Viel Druck und Kritik hatte ich mir auch schon gedacht. Aber ohne kommt man halt auch nicht weiter. Freut mich, dass ihr durchgehalten habt. Weiter so und noch ganz viel Erfolg.

  4. Ich mache auch eine Ausbildung zur Maßschneiderin, allerdings nur in der Schule (in Speyer, falls dir/euch das was sagt). Dieses Jahr ist mein erstes Lehrjahr und vorher hatte ich keinerlei Erfahrung in Schen Nähe, geschweige denn von den Maschinen. Bisher komme ich ganz gut zurecht, meine Arbeiten sind noch nicht die besten, aber dafür mache ich ja die Ausbildung 😉

  5. Ein wirklich schöner Überblick, der etwas näher beleuchtet was es wirklich heißt Maßschneider zu werden. Meine Ausbildung war auch ein Abenteuer was ich heut nicht missen will 😉

    LG
    Markus

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