Bekleidungstechnik studieren

10388115_10202554170679776_6965306552349686701_nVielleicht habt ihr es schon bemerkt, in der linken Sidebar findet ihr eine neue Seite mit FAQs, also mit häufig gestellten Fragen. Dort habe ich ein paar Fragen gesammelt, die im Laufe der letzten Jahre immer wieder gestellt wurden. Die Frage, die ich mit Abstand am häufigsten beantwortet habe ist die nach meinem Studium.

Und da mir in letzter Zeit immer häufiger auffällt, dass selbst viele Freunde und Bekannnte nicht wirklich wissen was ich da machen („ach du nähst!“-„nein!“) gibt es heute einen ausführlichen Artikel.

Ich studiere an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach Bekleidungstechnik, ähnliche Studiengänge gibt es noch in Hamburg, Berlin, Reutlingen und Albstadt-Sigmaringen, wobei Mönchengladbach durch seine Geschichte und die Größe des Fachbereiches heraus sticht.

Im Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik studieren in Mönchengladbach rund 1800 Studenten. Es gibt verschiedene Studiengänge: den englischsprachigen Studiengang textile and clothing management, den Studiengang Design-Ingenieur (mit Schwerpunkt Mode oder Textil), den Studiengang Textiltechnik (mit Schwerpunkt Textilmanagement oder Textile Technologien) und den Studiengang Bekleidungstechnik (mit Schwerpunkt Bekleidungsmanagement oder Produktentwicklung).

Letzteres studiere ich, Bekleidungstechnik mit Schwerpunkt Produktentwicklung.

In den ersten 3 Semestern (Grundstudium) besuchen aber alle Textil- und Bekleidungstechniker die gleichen Veranstaltungen mit denen die Grundlagen gelegt werden. Man hat hauptsächlich Vorlesungen ohne Anwesenheitskontrolle und jedes Semester 1-3 sogenannte „Praktika“ bei denen man in kleinen Gruppen praktisch arbeitet, hier ist Anwesenheitspflicht.

Die Fächer sind zum einen Grundlagen der Textil-und Bekleidungstechnik:

– Textile Werkstoffe (+Praktikum): Textile Rohstoffe wie Wolle, Baumwolle, Seide, Polyester, Acetat usw. erkennen, unterscheiden, Eigenschaften zuordnen, Anbau und Fasergewinnung

– Fadentechnologie: von der Rohfaser zum fertig gesponnenen Garn, welche Arbeitsschritte und Maschinen sind nötig, welche Einstellungen führen zu welchem Ergebnis, wie kann man Garne unterscheiden

– Flächentechnologie: Vom Garn/der Faser zur textilen Fläche, welche Arbeitsschritte und Maschinen sind nötig für Gewebe, Gewirke, Vliese, Verbundstoffe etc.

– Veredlung und Ökologie: wie kann man Garn, Fasern, Stoffe oder fertige Kleidungsstücke veredeln um ihnen bestimmte Eigenschaften zukommen zu lassen

– Konfektionstechnologie: vom Stoff zum fertigen Kleidungsstück, welche Maschinen und Arbeitsschritte sind nötig

– Textilware Masche und Gewebe: Bindungen und ihre Eigenschaften bei Maschenwaren und Gewebe

zum anderen Naturwissenschaftliche Fächer:

-Chemie (2 Vorlesungen +Praktikum): organische und anorganische Chemie

– Mathe (2 Vorlesungen): Vektorrechnung, Analysis, Wahrscheinlichkeitsrechnung

– Physik (3 Vorlesungen +Praktikum): Mechanik, Elektrik und Optik, Maschinenelemente und elektrische Antriebe

– technisches Zeichnen: von Maschinenelementen, nicht von Kleidung

– Informatik (3 Vorlesungen +Praktikum): Grundlagen, Computergrafik, Internet&Ebusiness

und betriebswirtschaftliche Fächer:

-VWL

-BWL

-Marketing

-Kosten- und Wirtschaftlichkeitsrechnung

 

Nach dem Grundstudium spezialisiert sich das Studium, in meinem Fall zu den Fächern:

– Organisationslehre

-interkulturelles Management

– Personal und Führung

– Arbeits- und Sozialrecht

– Logistik

– Prozessplanung und -steuerung

– Statistik

– angewandtes Qualitätsmanagement (+Praktikum)

-Technische Textilien

und den Schwerpunktbezogenen Fächern:

– Grundkonstruktion DOB & HAKA (2 Vorlesungen)

– Gradieren (2 Vorlesungen)

– CAD Bekleidungskonstruktion (+Praktikum)

– Spezielle Bekleidungskonstruktion DOB & HAKA (4 Vorlesungen)

– Schnittgestaltung (2 Vorlesungen)

– Modellentwicklung

– Verarbeitungstechnik (2 Praktika)

– Fertigungsverfahren

– Bekleidungsmaschinen

Außerdem schreibt man noch eine Studienarbeit und nimmt an einem Industrieprojekt teil. Im 6. Semester muss man ein Praxis- oder Auslandssemester machen und im 7. schreibt man die Bachelorarbeit (Abschluss: Bachelor of science).

Zusätzlich muss man noch 3 oder mehr Wahlpflichtfächer belegen, hier gibt es ein riesen Angebot und man kann sich richtig austoben, egal ob Wäschekonstruktion, Kindermode, oder diverse Schnittprogramme.

Die schwersten Fächer, über die viele stolpern sind Chemie, Mathe und Kostenrechnung, 2 mal darf man durchfallen, beim dritten Mal ist das Studium beendet. Die Klausuren werden immer am Ende des Semesters geschrieben, so dass man in den Ferien wirklich frei hat (wobei die FH-Ferien eh immer kürzer sind als die an der Uni).

 

Im Studium lernt man WEDER nähen NOCH designen, es ist kein kreativer Studiengang, sondern ein naturwissenschaftlicher. Es gibt im ganzen Studium nur drei Veranstaltungen in denen man was näht, aber auch keine ganzen Stücke sondern nur Beispiele an Läppchen. Im Fach Modellentwicklung näht man dann ein ganzes Kleidungsstück das man selbst konstruiert hat, aber das muss selbstständig genäht werden.

Eine Schneiderausbildung wird dennoch nicht vorausgesetzt, ich persönlich finde es aber wichtig. Ich hätte so manches Mal den Kopf an die Wand schlagen können als ich im Schnittunterricht saß und Kommilitonen nicht wussten war ein Abnäher ist. Auch in den anderen Fächern hat mir die Ausbildung sehr weiter geholfen, vor allem im Hauptstudium.

Den Studiengang Bekleidungstechnik studieren hauptsächlich Frauen, was ich ehrlich gesagt oft sehr anstrengend finde, denn wenn keine Männer dabei sind, gibt es meistens ganz schnell Zickereien.

Ich bin sehr froh dieses Studium gewählt zu haben und kann es jedem nur empfehlen den die Fächer interessieren. Leider aber habe ich zu oft erlebt wie junge Mädchen mit vollkommen falschen Erwartungen in dieses Studium gestartet sind. Wer lieber kreativ sein möchte und sich als Designer sieht sollte sich an einer Modeschule bewerben und Design studieren. Wer nähen lernen möchte soll eine Ausbildung machen. Aber wer Spaß daran hat mit Zahlen zu jonglieren, nach genauen Vorgaben zu konstruieren und aus einem zweidimensionalen Blatt ein perfekt sitzendes Kleidungsstück zu entwickeln, der ist richtig!

9 thoughts on “Bekleidungstechnik studieren

  1. Meine Freundin hat vor 10 Jahren ihr Bekleidungstechnik-Studium in Mönchengladbach begonnen, von daher war das für mich nicht ganz sooo fremd. Aber das nochmal alles so aufgelistet und detailliert erklärt zu bekommen, ist schon interessant. Doof nur, dass ich schon 30 bin und mitten im Berufsleben bin. Wenn ich jetzt nochmal neu wählen könnte, wäre das glaub ich echt was für mich!
    Viele Grüße, Goldengelchen

  2. Toll geschrieben!!! Das wär genau mein Ding gewesen. Leider haben meine Eltern das damals nicht unterstützt. Jetzt arbeite ich seit 25 Jahren bei einer Sparkasse und nähe leider nur in meiner Freizeit ;-(. Ich würde gerne Schnittkonstruktion in meiner Freizeit lernen. Kennst du zufällig auch eine Schule im Köln-Düsseldorfer Raum, die das für Hobbyschneider anbietet?
    GLG Nomilinchen

  3. Nach dem Abi hatte ich mir mal überlegt, mich in Sigmaringen zu bewerben. Damals hab ich mir das Design-Studium noch nicht zugetraut und dachte, dann mache ich eben etwas ähnliches. Zum Glück kam dann aber meine Ausbildung dazwischen – ich hätte damals nämlich nicht gewusst, dass das Studium so technisch/naturwissenschaftlich ist!! Teile davon hätten mir sicher auch Spaß gemacht – Mathe und Chemie mochte ich eigentlich immer. Auch Textilkunde finde ich total spannend. Aber trotzdem hätte mir immer was gefehlt! Nun bin ich ja glücklicherweise auf dem richtigen Weg. 😉
    Liebe Grüße,
    Ani

  4. Hey und vielen Dank für so einen Einblick in das Studium.
    Ich selbst werde auch im März mit meinem Studium, Textil und Bekleidungstechnologie, anfangen.
    Ich hoffe nur, dass man wirklich nicht viel nähen muss, denn das liegt mir überhaupt nicht. Außerdem hoffe ich, dass ich nicht der einzige Junge sein werde, wie war oder ist die Verteilung den bei euch so?
    Ich würde später mal gerne in der Automobilbranche arbeiten, ist da mein Studiengang der richtige um Autositzbezüge herzustellen?

    Gruß Alex

    • Nun ja ehrlich gesagt wars bei uns mindestens 90% Frauen und höchstens 10% Männer :)
      In der Automobilbranche hat man auf jeden Fall Chancen, nicht nur für Bezüge, viele Innenausbauten sind aus textilen Fasern im Spritzgussverfahren oder Ähnlichen Verfahren hergestellt, da hatten wir auch eine Lehrveranstaltung zu.
      Viel Spaß im Studium

      • Danke für deine so schnelle Antwort.
        Was würdest du mir raten, was ich vor dem Studium tun kann um mich schon ein bisschen vorbereiten? Und um nochmal auf das Nähen zurück zu kommen – wird viel genäht und werden Prüfungen im Nähen abgehalten? 😀

        Gruß Alex

        • Wie viel genäht wird hängt von der hochschule und dem studienschwerpunkt ab, zumindest bei uns in Mönchengladbach. Studiert man textile technologien muss man zum beispiel garnicht nähen. Wo möchtest du denn studieren?
          Zur vorbereitung würde ich mir nochmal die alten Marthebücher auf jeden Fall anschauen, vor allem vektorrechnung, analysis und statistik. Und Vorkurse besuchen sofern sowas angeboten wird.

          • Ich studiere in Albstadt-Sigmaringen und der Studiengang wird als Textil und Bekleidungstechnik ausgeschrieben. für die Vorkurse hab ich mich auf jeden Fall mal angemeldet und Mathebücher stehen bei mir auch noch im Regal. Vielen Dank für deine Tipps! :))

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