{Mittwochsgast}…Die Geschichte einer Tochter

meike2Ich bin 11 Jahre alt, erlebe gerade den täglichen Wahnsinn einer (frischen) Gymnasiastin, die nicht zu den „beliebten“ Kindern gehört. Ich bin nicht hübsch und kriege das auch mehr als deutlich gesagt. „Hasenzahn“ ist noch eines der nettesten Wörter. Ein Teenagerleben, das nicht wirklich glücklich verläuft Der Druck den Leistungsanfordernungen, des Gymnasiums gerecht zu werden, die „falschen Freunde“, die vorne rum nett tun und hinten rum lästern, die Gemeinheiten von Kindern, die da rüber kommen und das starke Kämpfen darum, dass man doch von den Mitschülern und vor allem vom Schwarm anerkannt wird, das alles beschäftigt mich…

Das aber die Bedeutung von „nicht wirklich glücklich“ eine ganz andere sein würde, sollte ich erst noch lernen müssen.

Ein ganz normaler Mittag irgendwann im frühen Herbst. Es gibt Nudeln, mein Vater kommt heute nicht zum Mittagessen aus dem Büro, deswegen essen mein Bruder und ich heute am Küchentisch. Mama hat schon gegessen (sagt sie).

Während wir essen kommt der Satz, der mein Leben für immer verändern würde:

Mama sagt: „Ich muss mit Euch reden! … Ich muss Euch sagen, dass ich Krebs habe.“

Klong!!!!!!!!!!!!!!

Da ist er, der Schlag mitten in mein Gesicht! Eiskalt läuft es mir den Rücken herunter. Wenn ich ehrlich bin, habe ich es schon gewusst und wollte es nicht wahrhaben. Ich wusste, dass Mama in den letzten Wochen viel beim Arzt gewesen ist. Und wenn man ganz ehrlich ist, kann man so etwas vor einer 11-Jährigen nicht geheim halten.  Immer wieder hatte sie in den letzten Tagen mit ihren Freundinnen telefoniert und ihnen schon davon erzählt. Wenn man als Kind eine Etage höher gerade am Treppenhaus entlang läuft, bekommt man das alles mit.

Trotzdem ist es ein Schock. Ich stochere lustlos in den Nudeln herum. Mein Bruder stellt Fragen wie, „Was bedeutet das jetzt?“ Er ist 4 Jahre älter als ich und wusste (meines Wissens nach) vorher noch nicht bescheid. Ich finde die Fragen dämlich! Was soll die Fragerei? Wir beide wissen, dass unsere beiden Omas an Krebs gestorben sind. Krebs heißt, dass man Sterben muss!

Mama hat auch keine wirklich passenden Antworten. Wie auch, wie soll man so etwas seinen Kindern erklären? Sie sagt, dass sie zukünftig nun oft zum Arzt muss und vielleicht weniger arbeiten kann. Sie ist Lehrerin.

Sie sagt, dass sie vielleicht ihre Haare verlieren wird. – Der Kloß in meinem Hals wird immer dicker.

Ich sage, dass ich keinen Hunger mehr habe und lasse alles stehen. Mein Bruder rennt in sein Zimmer. Mama läuft hinterher und auch ich gehe langsam nach oben in mein Zimmer. Ich lege mich auf mein Bett und weine. Das erste Mal, seitdem ich von all diesem was ahnte, weine ich wirklich schlimm. Nun ist all das Realität. Mama wird bestimmt sterben. Ich schluchze laut, minutenlang liege ich so da. Die Tür von meinem Zimmer ist offen und ich höre, wie Mama drüben mit Sebastian spricht. Nun kommt sie zu mir. Sie fragt, warum ich weine.

Ich sage „ich habe Angst!!!“.

„Wovor hast Du Angst?“

– Ich zögere, überlege lange…. Ich kann es doch nicht zu ihr sagen! Ich kann doch nicht laut sagen ICH HABE ANGST, DASS DU STERBEN MUSST.

– Ich sage es auch nicht! Stattdessen schluchze ich laut „Ich habe Angst vor allem, was jetzt passiert“. Mama nimmt mich in den Arm. Sie tröstet mich und sagt mir, dass wir nun gemeinsam stark sein müssen. Irgendwann lösen wir uns voneinander. Ich lenke mich mit den Hausaufgaben ab, immer wieder weine ich zwischendurch. Abends weine ich mich in den Schlaf.

In den folgenden Tagen und Wochen  redet Mama uns immer wieder ein, dass sie schon einmal wieder gesund geworden ist – Sie hatte Gebärrmutterhalskrebs, als ich ganz klein war. Ich kann mich eigentlich nicht daran erinnern, ich weiß nur, dass Papa, mein Bruder und ich sie im Krankenhaus besucht haben. Ich durfte die Knöpfe für die Türen drücken und fand es sehr interessant, dass Mama einen Schlauch zum Pipi machen hatte. Heute weiß ich, dass das die Zeit nach der Radikal OP gewesen ist. Ich kann Mamas Absicht hinter dieser Aussage verstehen. Sie will uns Hoffnung machen. Zwischenzeitlich gelingt es ihr und ich denke, wenn Sie es einmal geschafft hat, wird sie es bestimmt wieder schaffen.  Dann wieder, und dieser Gedanke überwiegt leider, denke ich, wenn sie einmal wieder gesund wurde

Es folgt eine neue Lebenssituation für mich. Mama ist krank und das merkt man auch. Schon bald fängt die Therapie an und die verläuft, wie angekündigt. Mama ist viel unterwegs (im Klinikum), wenn Sie dann nach Hause kommt, ist ihr schlecht. So schlecht, dass sie viel Zeit im Badezimmer verbringt. Wenn sie nicht im Badezimmer ist, schläft sie viel. Ich bekomme häufig die „Aufgabe“ sie nach einer gewissen Zeit zu wecken. Ich merke, wie müde, abgeschlagen und schlecht gelaunt sie ist. Immerhin etwas, was mir sehr positiv auffällt: Die Haare fallen trotz Chemotherapie nicht aus…. Erstmal. Einige Chemos später, wecke ich Mama nach dem Mittagsschlaf. Auf ihrem Kissen liegen nahezu all ihre langen Haare.

Sie entscheidet sich zunächst dafür die schönen langen Haare kurz zu schneiden und schon wenige Wochen später folgt der Radikalschnitt.  Meine gesunde starke wunderschöne Mama. – Eine kranke Frau, jeder kann es merken, jeder kann es sehen. Und ich merke es am meisten….Ich kann spüren und sehen, wie sie langsam vor sich hin stirbt…. Und DAS ist die Bedeutung von „nicht wirklich glücklich“.

Dies ist vermutlich der persönlichste Text den ich je „öffentlich geteilt“ habe. Ich bezwecke damit nicht, „auf die Tränendrüse“ zu drücken. Ich bezwecke damit, dass jeder der dies liest, alles tut, um seinem Kind dieses Schicksal zu ersparen.

Geht jedes halbe Jahr zum Arzt, tastet Euch ab und sorgt so ihr irgend könnt, dafür, dass ihr Euren Kindern dieses Schicksal erspart. Alles was man aktiv tun kann, sollte man tun.

Ich hoffe, ihr denkt immer daran!

Meike

4 thoughts on “{Mittwochsgast}…Die Geschichte einer Tochter

  1. Hallo liebe Meike,

    Dein Post weckt 1000 Gefühle in mir ….
    Im Spätsommer war ich die Mama die es ihrer 3 Jährigen Tochter sagen musste ….

    • Das tut mir sehr leid! Sowas sollte nicht sein!
      Ich hoffe, es geht dir heute einigermaßen gut und dass du eine gute Prognose hast. Ich betone immer wieder, dass die Diagnose allein nichts heißen muss. Als ich im Alter deiner Tochter war, ist meine Mama auch wieder gesund geworden! Ich hatte anschließend noch wunderschöne Jahre mit ihr, die mir heute die wertvollste Erinnerung sind! Ich wünsche dir alles alles Gute!

      P.S.: wenn du über etwas Schreiben magst, höre ich gern zu.

  2. hallo,
    ich habe meine mutter dieses jahr verloren. ohne eine krankheit, ohne ein anzeichen. eine plötzliche blutung im gehirn und innerhalb von sekunden war alles vorbei. mein leben hat sich in dem letzten halben jahr völlig gedreht und so oft stehe ich völlig verzweifelt neben mir. es tut weh, dass ich mich nicht verabschieden konnte. mich nicht darauf vorbereiten kann. soweit das überhaupt gehen kann. auf der anderen seite musste ich meine mutter nicht schwächer werden sehen. dafür bin ich auch dankbar. ich merke, dass es mir gut tut mit menschen zu reden die es verstehen wenn man sagt dass man „nicht wirklich glücklich“ ist. vor kurzem habe ich jemand gesagt, dass ich selber von mir überrascht bin wie traurig ich sein kann. eine trauer, die so tief geht, dass man es selber kaum fassen kann.
    gleichzeitig hilft es mir zu sehen, dass du inzwischen ein gutes und erfülltes leben führen kannst. das gibt mir mut für alles was kommt. danke dafür.
    lisa

  3. Liebe Lisa,

    *fühle dich von mir unbekannter Weise umarmt*
    auch wenn der Weg bei euch ein ganz anderer war, so teilen wir ein Schicksal! Du bist damit nicht alleine! Die Trauer, von der du sprichst, kenne ich nur zu gut. Und auch nach über 10 Jahren überkommt sie mich. Sie ist übermächtig und wird für immer bleiben. Auch wenn ich selber mal 50 bin, bin ich noch das kleine Mädchen, dass seine Mama verloren hat. Das wird niemand anders sehen, der in unsere Situation kam.
    Ich verstehe was du durch machen musst und dass es dich belastet, dass du dich nicht vorbereiten konntest und keine Möglichkeit hattest, dich zu verabschieden. Was das angeht, ging es mir aufgrund einer Fehlentscheidung meiner Mutter ähnlich. Dazu schreibe ich beim nächsten Mal mehr.
    Der Trost ist gering. Aber unsere Mütter werden immer über uns wachen. Unser ganz persönlicher Schutzengel auf Wolke 7. Es gibt diesen verfluchten Spruch von wegen „das Leben geht weiter“.
    Wenn jemand zu dir kommt und das kurz nach seinem Verlust zu dir sagt, möchtest du demjenigen auf Deutsch gesagt einfach nur in die Fresse schlagen. Was für ein scheiß Spruch! Was soll das? Der wichtigste Mensch in unserem Leben ist weg. Ohne Worte des Abschieds …. Was soll denn da weitergehen?

    Liebe Lisa, du hast recht. Mein Leben ist weitergegangen und nur aufgrunddessen, DAS meine Mutter gestorben ist, habe die die beiden Menschen bekommen, die mir heute das Liebste und Wertvollste auf der ganzen Welt sind. Das alles hatte einen SINN! Auch wenn ich ihn erst sehr viel später erkennen durfte UND heute bin ich so glücklich wie ich es eben mit diesem Schicksal sein kann! Vor zehn Jahren hätte ich das aber nie gedacht!

    Ich wünsche Dir liebe Lisa, dass auch du deinen Sinn findest und wieder glücklich wirst! Irgendwann wird es soweit sein, wenn du es zulässt! Dafür wünsche ich Dir sehr viel Kraft!

    Wenn du möchtest und es dir hilft, schreib mir gern etwas mehr. Hierfür würde ich dir dann aber meine Mailadresse geben!

    Alles Liebe

    Meike

    Ic

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